Das weltweite Tennis-Wachstum hat 2024 eine symbolische Marke überschritten: 106 Millionen Menschen spielen Tennis — erstmals in der Geschichte des Sports mehr als 100 Millionen. Laut dem dritten ITF Global Tennis Report, der Ende 2024 veröffentlicht wurde, entspricht das einem Wachstum von 25,6 Prozent seit der ersten Erhebung 2019. Zahlen, die auf den Daten von 199 nationalen Tennisverbänden basieren und zeigen, dass Tennis nicht mehr nur ein europäisch-australisch-amerikanisches Phänomen ist.
Hinter den Millionenzahlen stecken konkrete Initiativen, regionale Wachstumstreiber und eine strategische Vision der ITF, die bis 2030 reicht. Dieser Artikel ordnet die Kernzahlen ein und fragt, was die Grand-Slam-Viewership-Rekorde mit dem Breitensport zu tun haben.
ITF Global Tennis Report 2024: Die Kernzahlen
Der ITF Global Tennis Report 2024 wurde mit Input von 199 nationalen Verbänden erstellt und misst die Partizipation auf allen Ebenen — vom Freizeitspieler, der einmal pro Woche auf den Platz geht, bis zum lizenzierten Vereinsspieler. Die Zahl von 106 Millionen umfasst alle Altersgruppen und Spielniveaus.
Die regionalen Unterschiede sind beträchtlich. Europa bleibt der größte Tennismarkt, angeführt von Deutschland, Frankreich und Spanien. Der Deutsche Tennis Bund (DTB) meldet regelmäßig über 1,3 Millionen Mitglieder und gehört damit zu den größten Sportverbänden des Landes. Frankreich, wo Roland Garros als nationales Kulturereignis gilt, verzeichnet ähnliche Zahlen. Spanien profitiert von der Nadal-Ära und zuletzt vom Alcaraz-Effekt — die Anzahl registrierter Jugendspieler ist dort seit 2022 um geschätzte 15 Prozent gestiegen.
Die größten Wachstumsraten kommen allerdings nicht aus Europa, sondern aus Asien und Lateinamerika. China, Indien und Brasilien haben in den vergangenen fünf Jahren erheblich in Tennis-Infrastruktur investiert — neue Plätze, Trainingszentren, Schulprogramme. In Argentinien hat die ITF gemeinsam mit dem nationalen Verband ein Breitensportprojekt gestartet, das bis 2030 über eine Million neue Spieler gewinnen soll. Das sind keine Randnotizen: Diese Märkte repräsentieren Milliarden potenzieller Zuschauer und Spieler.
Was die Daten nicht zeigen: die Dunkelziffer. Millionen von Menschen spielen Tennis informell — auf öffentlichen Plätzen, in Parks, an Stränden —, ohne jemals einem Verband beizutreten oder in einer Statistik aufzutauchen. Die tatsächliche Spielerzahl dürfte die 106 Millionen deutlich übersteigen. In Ländern wie Indien und Indonesien, wo Tennis-Infrastruktur erst im Aufbau ist, spielen Millionen auf improvisierten Plätzen, die in keiner offiziellen Statistik erfasst werden. Die ITF ist sich dieser Lücke bewusst und arbeitet daran, die Erhebungsmethodik in der nächsten Ausgabe des Reports zu erweitern.
30 by 30: Das Ziel von 120 Millionen Spielern bis 2030
Die ITF hat unter dem Label „30 by 30“ ein strategisches Ziel formuliert: 120 Millionen Tennisspieler bis 2030. Das klingt ambitioniert, ist angesichts des aktuellen Wachstumstrends aber realistisch — um die Marke zu erreichen, müsste der Sport jährlich rund 2,3 Millionen neue Spieler gewinnen, ein Tempo, das seit 2019 übertroffen wird.
Die Strategie dahinter setzt auf drei Säulen. Erstens: Zugang. Tennisplätze sollen in Regionen gebaut werden, die bisher unterversorgt sind — insbesondere in Afrika, Südostasien und Zentralamerika. Die ITF hat dafür einen Balanced Calendar Fund eingerichtet, der 2024 mit 2,5 Millionen Dollar dotiert war und Turniere in unterrepräsentierten Regionen finanziert.
Zweitens: Jugendförderung. Das Junior Tennis Initiative (JTI) Programm der ITF arbeitet mit über 160 Nationen zusammen, um Tennis in Schulen und Gemeindezentren zu bringen. Das Programm richtet sich an Kinder unter 14 Jahren und zielt darauf ab, Tennis als Breitensport zu etablieren, nicht als Elitesport. Die Investition in die Basis — 1,2 Millionen Dollar flossen 2024 in das World Tennis Number Project, das Spielern aller Niveaus eine offizielle Bewertung gibt — soll die Schwelle zum Einstieg senken.
Drittens: Sichtbarkeit. Große Endspiele im Free-TV, Grand-Slam-Highlights auf Social Media und die Strahlkraft von Spielern wie Alcaraz und Sinner tragen dazu bei, Tennis im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu halten. Die ITF sieht einen direkten Zusammenhang zwischen TV-Reichweite und Breitensport-Partizipation — ein Zusammenhang, den die Daten stützen.
Was Endspiel-TV-Zahlen mit Breitensport zu tun haben
Die Korrelation zwischen Grand-Slam-Viewership und Breitensport-Wachstum ist kein Zufall. In Jahren, in denen die Grand-Slam-TV-Zahlen steigen, melden die nationalen Verbände regelmäßig Zuwächse bei Vereinsanmeldungen und Kursbuchungen. Das Australian Open 2024 zog insgesamt über 1,02 Millionen Besucher auf die Anlage — ein Rekord, der sich in steigenden Mitgliederzahlen bei Tennis Australia widerspiegelte.
Der Mechanismus ist simpel: Wer ein packendes Finale im Fernsehen sieht, will es selbst versuchen. In Italien, wo Sinners Popularität den Tennissport in den Mainstream katapultiert hat, stiegen die Anmeldungen in Tennisschulen nach den Australian Open 2024 um geschätzte 20 Prozent. Der Davis-Cup-Triumph 2024 — 19,4 Millionen italienische Zuschauer — verstärkte den Effekt. Tennis ist in Italien plötzlich cool, und das hat direkte Auswirkungen auf die Partizipationszahlen.
Für Deutschland bedeutet das: Ein Grand-Slam-Titel von Alexander Zverev hätte potenziell denselben Effekt. Die Boris-Becker-Ära der 1980er und 1990er Jahre brachte einen Tennis-Boom, der den DTB zum mitgliederstärksten Tennisverband der Welt machte. Beckers Wimbledon-Sieg 1985 — im Alter von 17 Jahren, live im deutschen Fernsehen vor Millionen — war der Zündfunke. Innerhalb von fünf Jahren verdoppelten sich die DTB-Mitgliederzahlen. Als Steffi Graf 1988 den Golden Slam holte, war Tennis in Deutschland Volkssport.
Ein vergleichbarer Impuls fehlt seit zwei Jahrzehnten. Zverevs konstante Top-5-Präsenz reicht dafür nicht — es braucht den einen Titel, die eine Nacht, die das Land vor den Fernseher bringt. Die fast zwei Milliarden TV-Zuschauer, die Grand-Slam-Tennis 2024 weltweit verfolgten, zeigen, dass das Medium bereit ist. Ob 2026 dieses Jahr wird, steht in den Sternen. Die Infrastruktur wäre bereit.
Fazit
Tennis wächst. 106 Millionen Spieler sind ein Meilenstein, aber kein Endpunkt. Das ITF-Ziel von 120 Millionen bis 2030 ist erreichbar, wenn die Investitionen in Zugang, Jugendförderung und Sichtbarkeit fortgesetzt werden. Die Wachstumsraten in Asien und Lateinamerika sind ermutigend, die Stabilität in Europa beruhigend. Der Sport hat eine breitere Basis als je zuvor.
Für den deutschen Markt bleibt der fehlende Grand-Slam-Titelheld das größte Wachstumshemmnis — ein Problem, das sich nicht mit Programmen lösen lässt, sondern nur auf dem Court. Der nächste Tennis-Boom in Deutschland wartet auf seinen Auslöser. Bis dahin tragen 1,3 Millionen DTB-Mitglieder den Sport — leise, konstant und ohne Schlagzeilen. Aber mit der Gewissheit, Teil einer globalen Bewegung zu sein, die gerade schneller wächst als je zuvor.

